Lasst die Stadt nicht zur charakterlosen Modell-Landschaft für Investorenträume werden!

Foto Johannes Jansen
Foto Johannes Jansen

Vorab gesagt: Ich bin grundsätzlich Befürworter des Konzepts mg+ – wachsende Stadt Mönchengladbach. Warum? Weil es eben nicht nur in Steinen und Gebäuden denkt, sondern die Stadt als ganzen Raum im Blick hat. Wer sich die Mühe macht, dass Konzept mal zu lesen, der findet darin viel Gutes, wette ich. Die vier Säulen gehen in die richtige Richtung:  Stärkung des Lebens- und Wohnraums und der sozialen Strukturen, Verbesserung von Umwelt und Mobilität, moderne Wirtschaftsstruktur und die Stärkung der weichen Standortfaktoren wie Bildung und Infrastruktur. Frenetischer Jubel!

Aber es hat sich mittlerweile unter der Fahne von mg+ in der Stadt eine schräge Art der Aufbruchsstimmung breitgemacht, die da lautet: Hurra, hurra, die Investoren kommen, lasst sie uns bloß nicht verschrecken! Und so legen wir uns in vorauseilendem Gehorsam auf die Schienen und lassen uns mit Dankbarkeit überrollen. Das was da gerade an der Neuhofstraße beim ehemaligen Gelände der Textilfabrik Edler von F. passiert ist ein trauriges Beispiel für diese Entwicklung.

Diese Stadt hat eine Historie, sie war ein Textilstandort. Statt diesen Charakter der Stadt in die Moderne zu transformieren, wird er auf dem Altar der Immobilieninvestoren geopfert. Nur 300 Meter weiter hat der Neubau der MEDIA Central gezeigt wie es gehen kann, wenn ein Investor nicht nur Quadratmeter-zu Euro-Optimierung im Sinn hat. Da wurde um eine alte, bestehende Fassade ein Gebäude geschaffen, das einen modernen Charakter hat und dennoch der Historie ein Gesicht gibt. Bauvorhaben wie bei Edler von F., die einfach abreißen und geschichtslose 08/15-Schuhkarton-Glattfassaden-Architektur errichten, werden uns am Ende mit einem charakterlosen 08/15-Stadtbild ohne Geschichte und ohne Eigenheiten hinterlassen. Das ist für die Stadt und die Menschen nicht gut.

Urbane Räume werden in letzter Zeit immer mehr zu bedeutungslosen und seelenlosen Abziehbilder, die einander gleichen – moderne Einöden aus pragmatischer Investorenarchitektur; gut für die Rendite, mehr nicht. Wollen wir das? Wollen wir ein mieses, kleines und am Ende dann doch nur provinzielles Abziehbild von Düsseldorf werden? Oder wollen wir dieser Stadt einen eigenen Charakter geben, der sie nicht austauschbar macht? Warum tun wir es dann nicht? Warum schützen wir historische Fassaden nicht und fordern deren Einbeziehung in die Modernisierung? Weil wir Angst haben, die Investoren könnten nach Krefeld oder sonst wohin gehen? Eines Tages wachen wir in einer Stadt auf, die aussieht wie alle die anderen Strukturwandelopfer seien es Essen, Dortmund oder Duisburg: kik-Markt rechts, H&M links, ein paar Waffelläden, Euroshops und als Höhepunkt ein Vapiano; dazu noch ein bisschen möchtegern-moderne Schuhkarton-Wohnbebauung für alle ab 80.000 EUR Jahreseinkommen aufwärts. Glauben wir wirklich, dass uns das im Standort-Wettbewerb weiterbringt? Grundlage jeder guten Markt-Strategie ist Differenzierung. Man kauft ein Produkt nicht, weil es ist wie jedes andere, man kauft ein Produkt, weil es anders ist: weil es etwas Besonderes hat, mit einer eigenen Qualität. Wenn wir unsere Stadt austauschbar machen, weil die Investoren ihre Rendite durchdrücken wollen, dann werden wir am Ende verlieren, weil wir keine Differenzierung haben.

Wenn die Stadt das Konzept mg+ umsetzen will, dann braucht sie Investoren, das ist so, ich bin da nicht naiv. Aber müssen wir zu allem Ja und Amen sagen? Warum stärken wir nicht Projekte und Bauvorhaben von Investoren, die Mönchengladbach anders werden lassen, bunter, lebhafter, eigenartiger… wenigstens an einigen Stellen dieser Stadt!  Wir sollten Akzente setzen, die nicht nur einfach dem modernen Chic entsprechen, sondern die einen eigenen Charakter zeigen. Wir brauchen endlich mehr Mut zur Differenzierung und zum eigenen Gesicht, sonst gehen wir unter im Einheitsbrei der Investoren, die auf der Suche nach optimierter Rendite sind. Dafür ist Edler von F. ein trauriges Mahnmal! Liebe Politik und Verwaltung: Lasst die Stadt nicht zur charakterlosen Modell-Landschaft für Investorenträume werden!

Über Mark Nierwetberg 9 Artikel
Mark wohnt seit 2010 in Mönchengladbach. Er ist in der Nähe von Mönchengladbach groß geworden und hier zur Schule gegangen. Nach 10 Jahren in anderen Städten hat es ihn wieder in die Vitusstadt geweht.

2 Kommentare

  1. Guter Hinweis aus der Diskussion auf Facebook kam von Martin Heinen, Stadtrat der Stadt MG: „Absolut richtiger Aufruf! Allerdings sollte sich dieser m.E. nicht ausschließlich an die handelnden in Politik und Verwaltung richten – dort werden mittlerweile inhaltliche Qualitäten erkannt und eingefordert – wenngleich es immer besser geht. Auch die Investoren selbst und insbesondere auch die EIGENTÜMER von Grundstücken und historischen Gebäuden müssen verdammt nochmal an mehr als nur den schnellen Euro denken. Gerade das Beispiel Neuhofstraße zeigt ja, wie wichtig genau das ist, da nicht überall der „Daumen drauf“ sein kann im Hinblick auf Denkmal/Baurecht…“
    Die Diskussion auf Facebook hier: https://www.facebook.com/flux.mg.org/

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