Kunst im öffentlichen Raum möglich machen: Am Beispiel KaM aus Essen

Konsortium „Korridor 2014"
Friedrich Gräsel "Hannover Tor" 1981 - hinten rechts: Konsortium "Korridor" 2014-2015

Der Verein Kunst im öffentlichen Raum am Moltkeplatz Essen – kurz Kunst am Moltkeplatz oder noch kürzer KaM genannt – wurde 2006 gegründet. Er hat die Patenschaften für Skulpturen übernommen, die auf dem Platz im Moltkeviertel im Essener Südostviertel aufgestellt sind und ergänzt das permanente Ensemble immer wieder durch temporäre Ausstellungen. Der Verein pflegt, erhält und belebt damit den Kunststandort Moltkeplatz für das umliegende Wohnquartier und für die Stadt Essen. Das Konzept von KaM könnte auch für Mönchengladbach eine Möglichkeit sein, wie Bürgerinnen und Bürger Kunst im öffentlichen Raum durch ihr Engagement ermöglichen könnten.

Ein Gespräch mit Dr. Volker Wagenitz, dem Vorsitzenden von KaM, und Lisa Lambrecht-Wagenitz, der Schriftführerin, über die Initiative in Essen.

fluxMG: Wie kam es zur Gründung des Vereins Kunst im öffentlichen Raum am Moltkeplatz Essen KaM e.V.?

KaM: Das Skulpturenensemble auf dem Moltkeplatz wurde ab 1982 von dem Essener Galeristen Jochen Krüper angelegt – in Zusammenarbeit mit Dr. Uwe Rüth, dem Leiter des Skulpturenmuseums in Marl. Nach dem Tod Krüpers in 2002 waren die Werke sich selbst überlassen und wurden nicht mehr gepflegt. Als in 2006 die Gefahr der Zerschlagung des Ensembles mit dem Versetzen der transportablen Werke und dem Verfall der ortsfesten Werke bestand, gründete ein Kreis engagierter Anwohnerinnen und Anwohner spontan den Verein KaM. Nach knapp zwei Jahren intensiver Bemühungen konnten in 2007/2008 Patenverträge für die Werke unterschrieben und damit die Grundlage für den Erhalt des Ensembles und die Aktivitäten des Vereins gelegt werden.

fluxMG: Wie viele Mitglieder hat der Verein und was ist ihr Beitrag – finanziell oder durch Engagement?

KaM: Der Verein wurde von zehn Anwohnerinnen und Anwohnern gegründet und ist seitdem auf mehr als 150 Mitglieder angewachsen – die Mitgliederzahl hat gegenwärtig sogar den höchsten Stand seit Gründung. Die Mitglieder kommen aus der Nachbarschaft, der gesamten Stadt Essen, aber auch aus anderen Teilen Deutschland – und sogar aus dem Ausland. Der jährliche Beitrag für eine Einzelmitgliedschaft ist 30 Euro – mit Ermäßigungen für Familien, Jugendliche usw. Das resultierende Budget sichert die Pflege und den Erhalt der Kunstwerke einschließlich Beschaffung der nötigen Materialien. Die „täglich“ anfallenden Arbeiten, wie Sauberhalten und ähnliches, aber auch Pflege der Internetpräsenz, Führungen für Besucher, Vermittlung für Schulklassen etc., werden von Mitgliedern ehrenamtlich durchgeführt. Wo immer möglich, legen Vereinsmitglieder selbst Hand an; nur im Bedarfsfall werden befreundete oder dem Verein verbundene Handwerksbetriebe angesprochen.

fluxMG: Sie übernehmen als Verein Patenschaften für die Skulpturen in Form von Verträgen mit der Stadt Essen oder den Eigentümern: was beinhaltet so eine Patenschaft?

KaM: Die Patenverträge sind sogenannte Drei-Wege-Verträge: Vertragspartner sind die Stadt Essen, der jeweilige Eigentümer des Kunstwerks und der Verein KaM. Die Grundstruktur der Verträge ist immer gleich: der Eigentümer stellt der Stadt, der die öffentliche Parkfläche gehört, das Kunstwerk als Leihgabe zur Verfügung; die Stadt übernimmt die Leihgabe und sorgt u.a. für die nötigen Versicherungen; der Verein übernimmt die Patenschaft. Diese beinhaltet: Verlegen eines Hinweisschildes, „Sauberhalten“ des Kunstwerks und der Umgebung sowie Tätigkeiten, die in der Satzung des Vereins enthalten sind wie Vermittlung, Bekanntmachen und ähnliches.

fluxMG: Ist das nicht ein hohes Risiko? Kunst im öffentlichen Raum ist immer wieder von Vandalismus betroffen, wie gehen sie damit um, wie schützen sie sich auch als Verein vor möglichen Ansprüchen?

KaM: Die Kunstwerke am Moltkeplatz waren zu keinem Zeitpunkt Opfer von Vandalismus. Ein wesentlicher Faktor ist unseres Erachtens die Lage des Parks direkt gegenüber einer Wohnhauszeile mit der „sozialen Kontrolle“ durch engagierte Anwohner. Graffiti hat es in der Vergangenheit öfter gegeben als heute. Wir haben dem mit einer Kombination verschiedener Maßnahmen entgegengewirkt: persönliches Reden mit Besuchern; bei einem Vorfall sorgen wir für eine sofortige Beseitigung durch Entfernen bzw. Übermalen innerhalb weniger Stunden und Anzeige bei der Polizei; aber auch schon mal sommernächtliches „Wachen“ in Blicknähe. Wichtig ist auch, dass wir in die „Szene“ über legal/halb-legal/illegal arbeitende Künstler und über Sozialarbeiter hineinwirken bspw. in Stadtteileinrichtungen der Jugend- und Sozialhilfe. Mittlerweile ist Graffiti kein ernsthaftes Thema mehr – auch wenn die Farben für das Übermalen im Keller weiterhin bereitstehen.

Ansprüche gegen den Verein auf Grund von Beschädigungen oder Zerstörungen sind in den Patenverträgen ausgeschlossen. Versichert sind die Werke durch die Stadt. Unabhängig davon bestehen – wo möglich – technische Vorrichtungen zum Schutz der Skulpturen.

fluxMG: Sie sind ein zivilgesellschaftlicher Verein, privat organisiert, wie ist die Zusammenarbeit mit den institutionellen Organen wie Museen und Stadt und auch mit den Künstlern direkt?

KaM: Nach anfänglich schwierigen Zeiten hat sich zwischen dem Verein und den politischen Gremien, der Verwaltung der Stadt und den Eigentümern ein ausgesprochen gutes Verhältnis entwickelt. Das bürgerschaftliche Engagement des Vereins und die Zusammenarbeit werden als vorbildlich bezeichnet. Die Übertragung der Vertragskonstruktionen vom Moltkeplatz auf andere ähnlich gelagerte Stellen in der Stadt wird von KaM aktiv und gerne unterstützt. Kommunalpolitiker bis hoch zum Oberbürgermeister gehören zu den Besuchern von Veranstaltungen des Vereins.

Mit dem Museum Folkwang besteht eine zwar institutionell „lose“, inhaltlich im Einzelfall aber sehr aktive Zusammenarbeit. So hat sich der jeweilige Direktor des Museums bereit erklärt, dem Verein als Mitglied des Künstlerischen Beirats zur Seite zu stehen – zusammen mit Prof. Dr. Manfred Schneckenburger, Köln, und Dr. Uwe Rüth, vormals Marl.

Zudem werden die Aufstellungen temporärer Werke im Rahmen der Reihe „junge“ Kunst am Moltkeplatz dankenswerterweise durch den/die jeweiligen Kuratorin / Kurator für Zeitgenössische Kunst des Museum Folkwang kuratiert. Seit 2010 konnten auf diese Weise bisher sechs temporäre Werke jüngerer Künstlerinnen und Künstler ausgestellt werden. Auswahl und künstlerische Begleitung liegen bei dem/der jeweiligen Kuratorin / Kurator des Museums; alle Fragen zu Genehmigungen, Verträgen, Finanzierung und Kontakte zu örtlichen Handwerksbetrieben und zur Presse übernimmt der Verein.

Die mit ihren Werken auf dem Moltkeplatz vertretenen Künstlerinnen und Künstler haben die Initiative des Vereins von Anbeginn an sehr positiv gesehen und unterstützen ihn mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Dazu zählen beispielsweise Führungen durch die Künstler, Atelierbesuche und ähnliches. Die Künstler – bzw. deren Hinterbliebenen oder Erben – haben die Ehrenmitgliedschaft des Vereins angenommen und nehmen teilweise aktiv an Veranstaltungen des Vereins teil.

fluxMG: Sie blicken jetzt auf mehr als 10 Jahre Erfahrung mit dem Verein KaM zurück, was raten Sie Leuten, die auch Kunst in den öffentlichen Raum holen wollen?

KaM: Schließen sie sich zusammen mit anderen, die etwas Positives in ihrer Kommune bewegen wollen. Sie werden Politiker, Mitarbeiter der Verwaltung sowie Unterstützer wie Gewerbetreibende, Kreditinstitute, Stiftungen, Kunst- und Kultureinrichtungen, andere Vereine, die Presse, Entscheider allgemein brauchen, die ihre Bemühungen mit unterstützen: Lernen Sie diese kennen und sprechen sie diese an. Wenn sie weit genug sind, dass ihre Ideen in die Nähe der Realisierbarkeit kommen: Gründen sie einen Verein oder schließen sie sich einem bestehenden Verein an. Die Verwaltung braucht einen Verein oder ähnliches als Ansprechpartner bspw. bei Verträgen.  Ein gemeinnütziger Verein kann zudem steuerlich absetzbare Spendenquittungen ausstellen. Versuchen sie, einen Rechtsanwalt und einen Steuerberater zum Mitmachen zu bewegen – sie werden sie brauchen. Wollen sie die Auswahl eines Künstlers oder eines Kunstwerks selbst – im Verein – treffen? Um Unfrieden zu vermeiden: Etablieren sie vorher Mechanismen, wie und wer entscheidet. Oder: Lassen sie sich durch Externe beraten. Jemand, dessen Meinung in Ihrer Kommune akzeptiert wird – ihr Antrag für die Genehmigung durch die politischen Gremien hat dann sicher größere Chancen. Die Entscheidung, ob ein Werk im öffentlichen Raum aufgestellt werden darf, hängt letztlich von dem zuständigen politischen Gremium ab bspw. vom Kulturausschuss des Stadtrates, Bezirksvertretung oder ähnlichem und muss von den betroffenen Ämtern der Verwaltung mitgetragen werden, z.B. Kulturdezernat, Grünflächenamt, Bauamt. Möglicherweise gibt es eine Koordinierungsstelle für Kunst im öffentlichen Raum? Wollen Sie ein Kunstwerk auf Dauer aufstellen oder soll es nur temporär zu sehen sein? Für ein temporäres Werk ist eine Genehmigung möglicherweise einfacher zu erhalten – „es ist ja hinterher wieder weg“. Insgesamt: Geben Sie nicht auf, wenn es länger dauert und schwieriger ist als zuerst gedacht.

Kontaktieren sie Kunst am Moltkeplatz KaM in Essen, wir geben ihnen gerne weitere Anregungen.

fluxMG: Was ist Ihr nächstes Projekt bei KaM?

KaM: Im September 2017 wird der Verein eine Broschüre zum Kunststandort Moltkeplatz herausbringen: 10 Jahre KaM e.V. – 35 Jahre Skulpturen auf dem Moltkeplatz. Auf 52 Seiten werden vorgestellt: der Zeitraum vom Beginn des Kunststandortes in 1982 bis zum Tod des Galeristen in 2002, die Geschichte des Vereins KaM von seiner Gründung bis heute und natürlich die Kunstwerke. Ebenfalls im Herbst 2017 hoffen wir, eine Entscheidung hinsichtlich eines neuen temporären Werkes treffen zu können. Dies soll dann vom Frühjahr 2018 an für ein Jahr das Skulpturenensemble ergänzen.

fluxMG: Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in Ihr Projekt!

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