Einzelhandel in Mönchengladbach: Perspektive eines jungen Unternehmers – Valentin Wessels

Ehren Schokoschurken
Ehren Schokoschurken

Junger Unternehmer zu sein, ist nicht immer einfach – weder in Mönchengladbach noch anderswo. Der hohe bürokratische Aufwand bei der Beschäftigung von Mitarbeitern, sowie die permanent wachsenden Dokumentationsanforderungen haben schon viele kleine und mittlere Unternehmer in die Insolvenz geführt. Zusätzlich zu den unternehmerischen kommen die strukturellen Herausforderungen. In Mönchengladbach und anderen Städten verzeichnet man schwindende Kaufkraft oder die Abwanderung zu Online-Plattformen. Dies führt zu einem tiefgreifenden Wandel des innerstädtischen Einzelhandels. Hier im Blog fluxMG hat Mark Nierwetberg über die aktuelle Entwicklung in Mönchengladbach berichtet. Das sehe ich ähnlich: Der Einzelhandel der 1990er Jahre und die gut laufenden Einkaufsstraßen gehören der Vergangenheit an. Wir müssen der Realität ins Auge blicken! Es wird nicht mehr so, wie es einmal war. Sinnbildlich dafür steht der schleichende Tod auf Raten der klassischen Warenhäuser in unseren Innenstädten.

Trotzdem faszinieren mich an Mönchengladbach die Aufbruchsstimmung und die Möglichkeiten sich einzubringen und etwas zu bewegen. Mit Initiativen wie mg+ wachsende Stadt, nextMG, Provisorium oder der Schauzeit Rheydt geht ein Ruck durch die Stadt. Die Leute werden zum Machen mobilisiert. Das gefällt mir. Das ist gut für unsere Stadt.

Neues Unternehmertum – neue Konzepte

In unseren Innenstädten dominieren schon heute große international agierende Ketten, Discount-Anbieter und gähnender Leerstand. Das macht unsere Innenstädte austauschbar und hässlich. Was wir jetzt brauchen, sind neue Konzepte für den Einzelhandel bzw. für die Nutzung der alten leerstehenden Einzelhandelslagen. Als Jungunternehmer trete ich in Mönchengladbach an, um etwas zu bewegen. Vor drei Jahren übernahm ich das 1955 gegründete Traditionsunternehmen Ehren Zuckerwarenfabrik. Das alte Geschäftsmodell aus der Zeit des Wiederaufbaus und dem Wirtschaftswunder funktioniert unter den heutigen Bedingungen jedoch nicht mehr eins zu eins. Inspiriert durch Initiativen in Mönchengladbach wie die Schauzeit Rheydt und Provisorium habe ich die Ehren Schokoschurken entwickelt. Meine persönliche Antwort auf den Leerstand in Rheydt. In der Limitenstraße 58 / Ecke Stresemannstraße fertigen wir jetzt aus hochwertigsten Zutaten handgemachte Schokoladen- und Pralinen-Kreationen. Diese werden stationär direkt im Ladenlokal, mobil und online vertrieben. Ebenso bieten wir unseren Kunden Events und Workshops bei den Ehren Schokoschurken an. Zum Beispiel unseren neuen Kurs „Vegane Pralinen selber machen“.

Mehr als nur Margendenken – gesunden Lebensraum für regionale Anbieter schaffen

Als Gegenbewegung der Globalisierung mit gigantischen international agierenden Konzernen gibt es einen starken Wunsch in der Gesellschaft zur Individualisierung und ein Bedürfnis nach regionalen Produkten. Die Leidenschaft für guten Geschmack, hochwertige organisch-biologische Lebensmittel und die Befriedigung von Nischenbedürfnissen unserer Kunden treibt mich an. Wir Kleinunternehmer finden durch die Spezialisierung auf derartige Kundenbedürfnisse profitable Nischen in oftmals gesättigten Märkten und sorgen damit für Vielfalt. Aber eins ist klar: Wir werden nicht an die Umsätze und Ertragsmargen globaler Konzerne herankommen. In nächster Konsequenz können wir kleine Unternehmer nicht die Mieten und Kosten tragen, wie es globalen Konzern möglich ist. Das erfordert ein Umdenken der Immobilieneigentümer und -verwalter, wenn sie in Zukunft Mieter, statt Leerstand verwalten wollen.

Einkaufen anders denken

Aber es erfordert auch ein neues Denken über das persönliche Einkaufserlebnis und das Einkaufen in der Innenstadt. Wir brauchen mehr Vielfalt in den Innenstädten der mittelgroßen Zentren wie Mönchengladbach. Reine Einkaufsmeilen können sich Metropolen wie Köln oder Düsseldorf leisten – da funktioniert die klassische „High Street“ noch. Wir brauchen in Mönchengladbach auf den Einkaufsmeilen mehr Event-Locations, Unterhaltungsangebote und Aufenthaltsmöglichkeiten welche die Leute aktiv in die City holen. Konzepte wie Event-Kochen, Produktpräsentationen oder auch das Projekt Fashion-Hotel, bei dem sich eine Zeit lang verschiedene lokale Anbieter das alte Hotel Oberstadt auf der oberen Hindenburgstraße geteilt haben, sind dafür beispielhaft. Auch der RollMarkt der Rollbrett Union in Rheydt fasziniert mich, da die Nutzung im Rahmen vom Provisorium zeigt, wie leerstehende Ladenlokale anders nutzbar sind. Aber wir brauchen für diese Konzepte eine völlig andere Infrastruktur als der etablierte Einzelhandel. Und wir brauchen neue Wege der Kommunikation: Wir kommunizieren über Social Media via Instagram, Facebook, Snapchat oder anderen Online-Plattformen. Die Kunden bestellen bei Ehren über unseren Onlineshop, aber auch über Facebook und Instagram. Die Bestellungen verschicken wir deutschlandweit per Paketdienst oder regionale Kunden holen die vorbestellte Ware zum gewünschten Termin ab. Durch die Kurzzeitparkplätze direkt vor der Tür bei den Ehren Schokoschurken bringen wir die Bestellung auch direkt zum Fahrzeug des Kunden, ohne lästiges Warten. Denn warten war gestern!

Nicht nur wir Unternehmer müssen neu und in die Zukunft gerichtet denken. Auch die Städte müssen sich in eine digitale Richtung entwickeln, wenn sie ihre lokalen Unternehmen unterstützen wollen. Der Onlinehandel wird sich in den nächsten Jahren rasant ausweiten. Doch die Konsumenten wollen gucken, schmecken, anfassen, testen. Aber sie haben einfach keinen Bock mehr das Zeug nach Hause zu schleppen oder sich mit dicken Tüten in Cafés zu setzen – gerade, wenn die Ware schon zu Hause sein könnte, noch bevor sie selbst zu Hause sind. Innenstädte müssen sich zu Treffpunkten, Marktplätzen, Kommunikationsoasen entwickeln! Gerade wenn alles online bestellt wird, wird der persönliche Austausch mit Mitbürgern und Freunden umso wichtiger!

Verpackte Pralinen der Schokoschurken

Mönchengladbach, packen wir es an!

Ich bin als Unternehmer glücklich über den Standort Mönchengladbach, weil ich weiß, dass das Gras an anderen Orten auch nicht grüner ist. Aber wir sollten Mönchengladbach zusammen konsequenter auf die Zukunft ausrichten – Unternehmer, Immobilienbesitzer, Verwaltung und Politik sollten noch stärker in dieser Richtung zusammenarbeiten.

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