Eine Immobilie für das Gemeinwesen: Am Beispiel Samtweberei Krefeld

Die Samtweberei vor dem Umbau – Foto: Stefan Bayer

Immobilien erwirtschaften finanzielle und ideelle Renditen für die Nachbarschaft. Das ist die Kernidee des Programms Initialkapital der Montag Stiftung Urbane Räume, die zum ersten Mal in der Krefelder Südweststadt realisiert wird: Die Stiftungsgruppe Montag hat von der Stadt Krefeld eine alte Samtweberei im Erbbaurecht erworben, die sie so um- und ausbaut, dass sie ein mehrfach wertvoller Teil der Stadtteilentwicklung wird. Und sie investiert parallel in den Aufbau nachhaltiger Strukturen für das Gemeinwesen.

Die Samtweberei befindet sich unweit von Bahnhof und Einkaufsviertel im Südwesten der Innenstadt Krefelds. Dieses Viertel ist bunt und hat nicht bei allen Krefeldern einen guten Ruf. Viele aber lieben es für seine Internationalität und die schönen Plätze, für die günstigen Wohnungen und die Nähe zur Fachhochschule.

Seit 2014 gibt es hier eine neue Mitspielerin: die Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH. Sie wurde von der Carl Richard Montag Förderstiftung im engen Dialog mit der Stadt Krefeld, der Besitzerin der Immobilie gegründet, um die Alte Samtweberei als Wohn-  und Bürostandort denkmalgerecht zu entwickeln. Mit den Überschüssen aus der Vermietung werden Mittel erwirtschaftet, um zum Beispiel das interkulturelle Zusammenleben zu stärken, Angebote für die Jugendlichen im Viertel zu entwickeln oder die kulturellen und künstlerischen Potenziale der Nachbarschaft zu heben.

Die wichtigsten Ziele

Ein sozial, kulturell und ökonomisch durchmischtes Viertel soll entstehen.Die vorhandenen Selbstorganisationskräfte werden gestärkt und bekommen eine größere Basis: Das Miteinander der Kulturen und Lebensstile ist friedlich und produktiv; die Mieten bleiben differenziert; es gibt Wohngelegenheiten für unterschiedliche Haushaltsgrößen, Geldbeutel und Lebenslagen; der städtebauliche und architektonische Wert der Südweststadt wird wieder erkennbar.

Auf dieser Basis hat die Stiftung zugesagt, dass sie in die Alte Samtweberei investieren wird, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels das Projekt willkommen heißen und die Stadt Krefeld der Stiftung die Immobilie im Erbbaurecht überlässt. Die Bürgerschaft und Politik stimmten zu, so war der Weg frei für einen Erbbaurechtsvertrag. Die Überlassung erfolgte sogar frei von Erbbauzins solange, wie die Erbbaurechtsnehmerin – die spätere Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH (UNS) – gemeinnützig und im Sinne des Handlungsprogramms tätig ist.

Miete wird auch als Unterstützung ins Gemeinwesen gezahlt 

Die Entwicklung der Alten Samtweberei mit ihren 6.700 Quadratmetern Fläche und vier Gebäudeteilen in zum Teil denkmalgeschützt Gebäuden startete mit der Wiederinbetriebnahme des jüngsten Gebäudes, dem „Pionierhaus“ einem Verwaltungsbau aus den 1960er Jahren. Glücklicherweise konnten die ca. 1.000 Quadratmeter Nutzfläche – weil der Bau nur sieben Jahre lang unbenutzt war – „einfach“ wieder in Betrieb genommen werden. Das hieß, die Heizung wurde wieder angeworfen, die Fenster repariert, neue Kabel verlegt und Sanitäranlagen eingebaut. Den Rest erledigten die Pionier Mieter im Eigenbau. Grafiker, Übersetzer, Bastler, Künstler, Coaches und natürlich die UNS selber: die geringe Miete und die kleinen Räume haben viele Startups und Freiberufler angezogen. Alle Mieter haben mit ihrem Mietvertrag zugesagt, teil der sogenannten „Halben Miete“ zu werden: pro gemieteten Quadratmeter wird eine Stunde Kompetenz pro Jahr in das Gemeinwesen investiert (30 qm = 30 Std.). Das können Flyer für eine Nachbarschaftsinitiative, Unterstützung bei der Baumscheibengestaltung oder Aufbauhilfe beim Straßenfest und vieles mehr sein.

Danach wurde direkt der nächste Bauabschnitt – das Torhaus aus den 1950er Jahren – in Angriff genommen und im Herbst 2015 fertig gestellt. Auch hier ist die halbe Miete Teil des Mietvertrages.

Beide Objekte konnten mit dem Eigenkapital der Stiftung realisiert werden. Nur so konnte zügig mit den Arbeiten begonnen werden und den Stadtteil das Signal erreichen, dass „die was machen und schnell sind“.

Erträge für das Viertel
Erträge für das Viertel

Café, Wohnungen, Raum für Freiberufler und Start-ups

Auch der Umbau des größten und denkmalgeschützten Teils zum gemeinschaftlichen Wohnen mit Nachbarschaftstreff ist seit Mai 2017 abgeschlossen. Insgesamt 35 Wohnungen wurden im Dialog mit den zukünftigen Nutzern entwickelt, soweit sie schon da waren. Auch hier wird die Verbindung über die „Halbe Miete“ ins Viertel gelegt – allerdings als Selbstverpflichtung, da es nicht möglich ist, in Wohnungsmietverträgen eine Gegenleistung fest zu schreiben.

Mit den Wohnungen ist auch das Café Lentz im Eingang zum Hof fertig geworden, das  – von einigen der Pioniere betrieben – mit Veranstaltungen und natürlich guter Gastronomie und viel Gelegenheit für den nachbarschaftlichen Austausch lockt.

Besonders ist auch die Shedhalle im Innenhof des Geländes: Diese ist zum öffentlichen Platz mit Dach nach den Vorstellungen des Quartiers ausgebaut worden. Spielplatz, Gartenprojekt, Werkstatt und einiges mehr bieten nun Anlass zum Treffen und Mitmachen in der Nachbarschaft.

Parallel dazu wurde das Viertel selbst in den Blick genommen, neue Gremien und verlässliche Strukturen geschaffen, Projekte durchgeführt, die bisher aus einem Fonds mit jährlich 5.000 Euro durch die Stiftung ermöglicht, in Zukunft aus den Überschüssen aus der Vermietung finanziert werden. Etwa alle sechs Wochen tagt der Viertelsrat, in dem ca. 10 bis 12 Personen regelmäßig über die Spielregeln beraten, die die Projekte und das Viertel brauchen, damit das Zusammenleben gut läuft und die gesetzten Ziel erreicht werden können. Einmal im Jahr tagt der große Viertelsratschlag, der allen Beteiligten Themen und Fragestellungen mit auf den Weg gibt, die in Zukunft zu lösen sein werden. Und damit das Projekt nicht in Arbeitsgruppen versinkt, wird zwei Mal im Jahr gemeinsam gefeiert: Auf dem Kirschblütenfest, das der Bürgerverein Bahnbezirk ausrichtet und auf dem Nachbarschaftsfest, das die UNS zusammen mit den Mietern organisiert.

Der Innenhof nach dem Umbau – Foto: Marcel Rotzinger
Der Innenhof nach dem Umbau – Foto: Marcel Rotzinger

Beratung vor Ort für Projekte und Bewohner

Um der Nachbarschaft und den vielen Projekten von Anfang an einen konkreten Ort zu geben, konnte – mit Mitteln des Landes NRW – ein Ladenlokal eingerichtet und mit einer engagierten Bewohnerin des Viertels als Organisatorin besetzt werden: Die Ecke. Hier finden viele Beratungen und Projekte statt, die vorher noch keinen Ort hatten.

Mit der baulichen Fertigstellung der Alte Samtweberei wird sich die wird sich die UNS 2017 weitgehend zurückziehen. Die schon lange aktiven Träger von kultureller und Bildungsarbeit haben ihre Zusammenarbeit gefestigt und gemeinsam mit der aktiven Bewohnerschaft soll die Samtweberei und das Quartier hauptsächlich selbst organisiert weiterbestehen. Die schon lange aktiven Träger von kultureller und Bildungsarbeit haben ihre Zusammenarbeit gefestigt und gemeinsam mit der aktiven Bewohnerschaft kann die Samtweberei und das Quartier selbst organisiert weiterbestehen.

Text, Bilder und Grafik: Montag Stiftung Urbane Räume, Bearbeitung Antje Eickhoff

Weitere Informationen und Kontakt unter: http://samtweberviertel.de/

http://neue-nachbarschaft.de/immovielien/samtweberei/

http://www.montag-stiftungen.de/urbane-raeume/initialkapital/nachbarschaft-samtweberei-krefeld.html

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