Digitale Bildung

Expertenmeinung: Wie steht es um die Digitale Bildung in der Schule?

 

Als flux MG wollen wir auch immer mal wieder Experten zu relevanten Themen zu Wort kommen lassen. Die Expertinnen und Experten sind nicht unbedingt mit uns verbunden.

Digitale Bildung ist an deutschen Schulen nach Ansicht von Experten noch viel zu oft „Privatangelegenheit“ engagierter Lehrer. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, will die  große Koalition die digitale Bildung an den deutschen Schulen verbessern. Gefordert würden unter anderem ein Breitbandanschluss für alle Schulen und ein „Pakt für Digitale Bildung“. So sollten „die unterschiedlichen Aktivitäten von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gebündelt“ werden, um die digitale Ausstattung und Infrastruktur der Schulen zu verbessern.

Diese Initiative ist wohl eine Reaktion auf die  Ergebnisse einer Ende 2014 vorgelegten internationalen Studie, in der die Kompetenzen von 12- bis 13-Jährigen in 24 Staaten im Umgang mit Computern verglichen wurden. Die Ergebnisse für Deutschland waren eher ernüchternd – deutsche Schüler sind Mittelmaß.

IT-Kompetenz und Digitale Bildung sind zentrale Kompetenzen für die Zukunft – in einer zunehmend digitalen Welt, werden wir immer mehr Berufe haben, die IT-Kompetenz brauchen. Zudem müssen Schülerinnen und Schüler auch den Umgang mit digitalen Angeboten lernen, denn aus unserem Alltag sind sie nicht mehr wegzudenken.

Wir haben darüber mit Felix Nattermann gesprochen, er ist Lehrer am Gymnasium Geroweiher in Mönchengladbach. Im vergangenen Jahr hat der Mathe- und Informatiklehrer den Deutschen Lehrerpreis erhalten.

flux MG: Herr Nattermann, warum ist die Vermittlung von IT-Kenntnissen, Digitaler Medienkompetenz und Digitaler Bildung so schwer? Ist das nicht ein Schulfach wie andere auch?

Nattermann: Nein, die Digitale Bildung ist ein Sonderfall. Im Gegensatz zu anderen Fächern der Schule ändern sich die Inhalte der digitalen Medien unheimlich schnell. Zudem ist das Thema nicht einem speziellen Fach zugeordnet. Damit ist die Digitale Bildung und die Vermittlung Digitaler Medienkompetenz eine große Herausforderung für jede Schule. Eine Herausforderung ist auch, dass die IT-Branche immer schneller neue Dienste ins Netz bringt. Nehmen wir das Beispiel SchülerVZ …

flux MG: … SchülerVZ war mal eine Konkurrenz zu Facebook – galt als deutsches Facebook – wurde aber Anfang 2013 eingestellt …

Nattermann: … richtig. Selbst wenn es Kurse für Lehrer gäbe, die den Umgang mit dem damaligen SchülerVZ und den damit verbundenen Problemen vermittelt hätte, so gibt es inzwischen schon längst x-weitere Anwendungen und Felder: Blogs, Microblogging, Social Networks, Media-Sharing-Plattformen, neuerdings younow.com. Schwer da mitzuhalten. Es bleibt die Frage, ob Schule bezogen auf Web 2.0-Dienste überhaupt die nötigen Kompetenzen vermitteln kann oder ob es nicht doch das Elternhaus stemmen muss.

flux MG: Gut, das wäre ja Medienkompetenz bezogen auf  Web 2.0-Dienste, da sehen sie die Pflicht des Elternhauses, so wie beim Umgang mit TV, Kino, DVD und anderen Medien. Aber was ist mit Digitaler Bildung im Sinne einer grundlegenden Kompetenzvermittlung?

Nattermann: Ja, das wird immer stärker Aufgabe der Schule: Bestimmte Grundlagen sehe ich schon im Bereich der Schule. So sollten meiner Meinung nach Schüler der 4. Klasse mit den Grundlagen einer Textverarbeitung vertraut sein. Ab der 5. Klasse sollten Schüler die ersten Präsentationen erstellen können und in der 7. Klasse kommen Tabellenkalkulation und Funktionenplotter hinzu. Da müssen wir als Schule aus meiner Sicht hinkommen.

flux MG: Experten sagen, dass Digitale Bildung an Schulen nicht systematisch betrieben wird, sondern sehr stark vom Engagement der Lehrer abhängt. Stimmt das? Wie sehen sie das als Lehrer?

Nattermann: Bislang hängt es stark vom Engagement der Lehrer ab, das stimmt. Lehrer in diesem Feld müssen sich immer wieder in die veränderte Bedienung unterschiedlichster Software einarbeiten. Es reicht nicht, wenn nur einige Lehrer darin fit sind. Es bedarf eines grundlegenden Medienkonzepts, das in die einzelnen Fächer – egal ob Mathe, Deutsch, Englisch, Biologie oder Religion – eingebettet wird. Alternativ bräuchte man ein neues Fach Medienkunde, das in allen Klassen verbindlich auf dem Lehrplan stände. Ich kann konkret nur für meine Schule sprechen, bei uns, am Gymnasium Geroweiher, existiert ein solches Medienkonzept. Wir haben unsere Inhalte im Bereich der Medienkompetenz auf einzelne Fächer verteilt. Zudem bieten wir in der 5. Klasse eine Grundbildung an und demnächst wird es Angebote in Form von wählbaren Modulen geben.

flux MG: Was brauchen denn die Schulen, um beim Thema Digitale Bildung besser zu werden? Nur ein „PC für alle“ wird ja das Problem nicht lösen?

Nattermann: Wir brauchen Zeit, Fortbildungen und Ausstattung. Zunächst muss man sich klar machen, dass die Digitale Bildung immer stärker Aufgabe der Schulen wird und zudem wächst der Umfang dieser Bildung ständig weiter. Der Lehrplan ist aber auch durch G8 – also Abitur in Klasse 12 –  in jedem Fach ziemlich voll. Digitale Bildung kommt, wie vieles mehr, zusätzlich dazu. Wenn uns als Gesellschaft Digitale Bildung wichtig ist, dann braucht sie einen fest Platz im Stundenplan, das ginge nur, wenn  andere Inhalte reduziert werden. Neben diesem Aspekt brauchen wir gute Fortbildungen in diesem Bereich und zwar regelmäßig. Ohne organisierte Fortbildung bleibt es eine Frage des persönlichen Engagements der Lehrkräfte, ob sie mit aktuellen Entwicklungen mithalten oder nicht. Als letztes Kriterium ist aber auch ganz klar die Ausstattung der Schule relevant. Eine Schule benötigt ausreichend Rechner und vor allem eine gute Internetverbindung. Bei der Planung einer Internetverbindung sollte berücksichtigt werden, dass sich nicht nur wie im Haushalt ein bis zwei Rechner die Leitung teilen, sondern teilweise 50 Rechner – da brauchen sie andere Upload-Geschwindigkeiten als im Privatbereich.

flux MG: Träumen sie mal – was wäre die ideale Situation?

Nattermann: In meiner Schule der Träume ist vieles anders, nicht nur die IT-Landschaft. Ich würde viele Inhalte überdenken. Ich würde viele Fächer inhaltlich reduzieren wollen und die so gewonnene Zeit für andere, heutzutage wichtigere Kompetenzen nutzen. In meiner Traumschule gibt es eine in allen Jahrgangsstufen verbindliche IT-Bildung. Desweiteren würde ich in der Schule viel mehr Projekte machen und damit den Schülern Verantwortungsbewusstsein und Kreativität mitgeben wollen. Neben der verbindlichen IT-Bildung sollte es freiwillig wählbare Module geben, die tiefer in die Informatik einsteigen und den reinen Anwenderbereich verlassen. Hier werden dann z.B. Rechnernetzprotokolle, Programmiersprachen und Modellieren von Datenbanken erläutert. Das muss nicht wirklich jeder lernen, aber wenn wir in Deutschland IT-Spitzenleistung haben wollen, dann müssen Schüler in weiterführenden Schulen ein Umfeld finden, in dem sie erste Grundlagen lernen können und sich ausprobieren können.

flux MG: MG hat auch IT-Unternehmen, könnten die auch unterstützen – oder ist die Vermischung Schule / Wirtschaft in diesem Punkt ein „no go“?

Nattermann: Natürlich ist eine Zusammenarbeit immer wünschenswert, wenn es klare Regeln gibt, ist das auch kein Problem: Wir brauchen Geld und Know-How aus der Wirtschaft und die Wirtschaft braucht gut ausgebildeten Nachwuchs von den Schulen. Insofern eine Win-Win-Situation. Allerdings muss das alles gut koordiniert und geregelt werden. Nicht immer bieten Firmen uns das Know-How an, was wir gerade brauchen oder was die Schülerinnen und Schüler gerade interessiert.

flux MG: Was raten sie Eltern? Das Thema Digitale Bildung muss ja auch zu Hause stattfinden – oder?

Nattermann: Wie schon gesagt, da gilt für IT und Digitale Bildung nichts anderes wie auch für andere Bereiche: Ich finde Eltern müssen sich für das interessieren, was ihre Kinder oder Jugendliche da machen. Wenn ihr Kind mit 10 Jahren bei Facebook mal wieder Sachen postet oder abends im Kinderzimmer einen „eigenen TV-Sender“ mittels younow.com (Erklärung siehe unten) betreibt, dann sollten die Eltern schon wissen, was da passiert. Eltern müssen Risiken kennen und klare Regeln für ihr Kind setzen. Das ist Teil der Aufsichtspflicht. Mich ärgert es sehr, dass wir in der Schule häufig Probleme in der Klasse wegen Cybermobbing klären müssen, obgleich das Mobbing per WhatsApp oder Facebook im privaten häuslichen Umfeld stattfindet. Und die Eltern sehen das auch häufig als Aufgabe der Schule an. Das sehe ich nicht so.

flux MG: Danke für das Gespräch.

Erklärung: younow.com ist eine Plattform im Internet und als App auf dem Smartphone verfügbar. younow.com ist eine einfach Art, Livebilder über das Internet zu verbreiten. Der Nutzer hat eine Art eigenen Kanal, den er mit Inhalten bespielen kann. Andere Nutzer können ihm folgen. Weiter Infos.

Über Mark Nierwetberg 9 Artikel
Mark wohnt seit 2010 in Mönchengladbach. Er ist in der Nähe von Mönchengladbach groß geworden und hier zur Schule gegangen. Nach 10 Jahren in anderen Städten hat es ihn wieder in die Vitusstadt geweht.

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