Die Meinung des Lokaljournalisten

Jan Schnettler
Jan Schnettler

Kopenhagen als Vorbild: Autofreie Stadt nicht verordnen, sondern attraktive Angebote zum Umsteigen schaffen

Jan Schnettler (37) ist Redakteur bei der Rheinischen Post in Mönchengladbach mit Schwerpunkt Wirtschaftsberichterstattung. Er hat u.a. auch über die Stadt Kopenhagen und deren Ansätze zum Thema Mobilität berichtet.

Keine Polemik gegen Autos! Sondern eine Darstellung des Themas aus Sicht verschiedener Interessensgruppen. So lautete im Vorfeld die einzige inhaltliche Vorgabe für diesen Blog-Beitrag. Kein Problem: Ich – obwohl Vertreter der Interessensgruppe „Pendler“ – hatte ohnehin nicht vor, eine Polemik gegen Autos zu schreiben. Allerdings auch keine pro Autos. Ich bin da leidenschaftslos: Autos sind für mich schnöde Fortbewegungsmittel, die mich von A nach B bringen. Solange sie das verlässlicher, schneller und sogar günstiger tun als andere Verkehrsmittel, sind sie für mich das Verkehrsmittel der Wahl. Führen etwa die Züge pünktlicher und gäbe es pfiffigere Monats- oder Jahresticket-Angebote, wäre ich der Letzte, der nicht sofort umschwenken würde.

„Autofreie Innenstadt in Mönchengladbach und Rheydt – wollen wir das?“ – die Fragestellung ist spannend. Und zwar wegen des Zusatzes „Wollen wir das?“. Das Pro liegt auf der Hand, dazu kann es kaum zwei Meinungen geben, zumindest, wenn Autos mit Verbrennungsmotor gemeint sind – wer wäre schon gegen bessere Luft und mehr Aufenthaltsqualität? Aber das Wider? Spricht nicht auch einiges dagegen, Innenstädte komplett autofrei zu gestalten? Ich verstehe eine City in erster Linie als Zentrum des Handels, und das sollte zweifelsohne so attraktiv wie möglich sein. Aber eben auch so erreichbar wie möglich – gerade in Zeiten, in denen der Online-Handel schon rund 20 Prozent aller Umsätze ausmacht. Abgestimmt wird dabei mit den Füßen der Kunden – oder den Rädern. Fakt ist doch: Wenn nicht irgendwo zumindest rückseitig zur Fußgängerzone ein Parkhaus liegt, nehmen viele den Weg in die Fußgängerzone gar nicht erst auf sich. Denn wer möchte schon seine Einkaufstüten nach dem Shopping in den Bus wuchten? Niemand.

Kopenhagen, das Mekka der Fahrradfahrer

Indes: Es möchte doch auch niemand wirklich seine Einkaufstüten ins Auto wuchten. Am angenehmsten wäre es doch, wenn jemand sie zeitnah nach Hause lieferte. Auch dafür bräuchte es Autos – aber anstatt von 100, die in die Stadt fahren, täten es vielleicht zehn oder auch nur eines, das anhand einer smart geplanten Route nach und nach die Kunden zuhause abfährt. Was neudeutsch „Same-Day Delivery“ heißt, wäre, konsequent umgesetzt, ein neuartiges Dienstleistungsangebot, das im Umkehrschluss viele Autos aus den Innenstädten heraus bekäme. Denn schon wäre es für die Kunden deutlich angenehmer, mit einem regelmäßig und pünktlich fahrenden, klimatisierten, barrierefreien und möglichst umweltschonenden Bus in die Stadt und anschließend wieder zurück zu fahren. Kopenhagen, das Mekka der Fahrradfahrer mit seinem mustergültigen Modal Split, macht es vor: Die dortigen Bürger werden nicht durch Verbote, sondern durch Leistung, Angebote und Anreize davon überzeugt, aufs Rad oder auf den Nahverkehr umzusteigen. Oder, um es in das Planerdeutsch des Masterplans Nahmobilität zu wuchten: „Zum Übergang in eine postfossile Verkehrswelt erscheint eine anspruchsvolle Fuß- und Radverkehrsinfrastruktur mit dem entsprechenden Ressourceneinsatz als ein angemessener Weg des Umgangs mit Unsicherheiten.“

Alternativen attraktiver gestalten, damit viele umsteigen wollen!

Also ja: Ich würde eine autofreie Innenstadt prinzipiell für wünschenswert erachten. Es brächte aber für mein Dafürhalten wenig, das per Dekret zu verordnen – ich würde es sich selbst entwickeln und entfalten lassen, indem man alle anderen Fortbewegungsmittel attraktiver gestaltet und, wie oben beschrieben, garantiert, dass Handel und Einkaufen dadurch nicht leiden. Das dürfte aber noch dauern. Denn wir leben – Stichwort Diesel-Gate, Stichwort Autonomes Fahren, aber auch Stichwort Sharing Economy – mobilitätstechnisch in einer Zeit des Umbruchs. So ist etwa das Thema E-Mobilität noch nicht zu Ende gedacht: Woher soll all der Strom kommen, wenn plötzlich jeder Bus und jedes Auto aus der Streckdose betankt wird (mal gesetzt den Fall, die Infrastruktur hielte das aus)? Schwer vorstellbar, dass er in absehbarer Zeit aus ausschließlich grünen Quellen kommen wird. Französischer Atom-Strom im E-Auto für das gute Gewissen – wollen wir das? Und wenn Tesla, wie jetzt angesichts von Hurricane Irma, aufzeigt, dass es per Fernsteuerung Akku-Kapazitäten bereits beliebig vergrößern oder verkleinern kann – birgt diese Orwellsche Vision nicht die Möglichkeit einer (mindestens) Zwei-Klassen-Mobilität? Wer mehr zahlt, dessen E-Auto fährt auch weiter – wollen wir das? Sicher erscheint die Zeit des Verbrennungsmotors endlich, dennoch glaube ich, dass, wie immer und überall, die neuen Technologien die alten nicht sofort eins zu eins ersetzen werden, sondern dass es, zumindest für einen längeren Übergang, ein Nebeneinander der alten und neuen gibt. Der Zehn-Jahres-Horizont für eine weitgehende Autofreiheit erscheint vor diesem Hintergrund durchaus noch etwas ambitioniert.

Also, wollen wir das, autofreie Innenstädte? Ich würde es so formulieren: Wir sollten vielfältige Anstrengungen unternehmen, damit möglichst viele das wollen werden.

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