Der Blick eines Konzeptkünstlers

Norbert Krause
Norbert Krause

Einfach mit dem Andersmachen anfangen

Norbert Krause ist Animateur zum Andersdenken. Der 1980 in Mönchengladbach geborene Konzeptkünstler und Sozio-Designer belebt unter anderem mit dem 1m²-Sender Radio Eicken öffentlichen Raum und bringt mit 200 Tage Fahrradstadt Mönchengladbach das Radfahren bei.

Als vor grob 100 Jahren die Motorisierung unserer Mobilität begann, hätte wohl kaum einer gedacht, dass wir uns einmal dem KFZ in dem Maße unterordnen werden, in dem wir es heute tun. Der Anblick unserer Innenstädte wird von Autos geprägt, kaum eine Straße ohne beidseitigen Saum aneinander gereihter Fahrzeuge wird sich finden. Bezahlbarer innerstädtische Wohnraum ist rar, aber die Fläche, die wir den Autos zu Verfügung stellen nimmt einen nicht unerheblichen Teil unserer Städte ein. Weit über 3.000 Verkehrstote pro Jahr (es waren auch schon einmal über 10.000) bereiten uns kaum Sorgen. Und wenn wir mal saubere Luft atmen wollen, fahren wir halt ans Meer. Vielleicht verhalten wir uns wie der sprichwörtliche Frosch im Kochtopf. So lange wir das Wasser nur langsam genug erhitzen bleibt er sitzen und stirbt an seiner Unfähigkeit den aktuellen Status Quo zu reflektieren.

 Quak, quak! Eine Diskussion mit weniger Drama wäre ein Anfang

Wehe jemand möchte an unserem Status Quo rütteln, uns Parkplätze wegnehmen oder eine Fahrspur für den Radverkehr nutzen. Wir müssen uns klar darüber werden, dass wir, wenn wir über Autos sprechen, über Freiheit reden. Unsere Freiheit. Die Autoindustrie hat über die Jahrzehnte irrwitzige Summen investiert um diese beiden Begriffe (Auto und Freiheit) aufs Festeste miteinander zu verknüpfen. Ein Parkplatz weniger ist auch ein Stück Freiheit weniger. Hier geht es um unser Menschenrecht! Als Autofahrer! Weniger Drama wäre ein guter Anfang.

Kommen wir zurück zu unserem Frosch. Sollte er noch nicht völlig am Ende sein, können wir ihn vielleicht retten indem wir Schritt für Schritt die Temperatur wieder senken. Nehmen wir das Ziel der autofreien Innenstadt: Beschränken wir den Begriff der Innenstadt auf die jeweilige Haupteinkaufsstraße einer Stadt, merken wir, dass die meisten Europäischen Innenstädte bereits über eine autofreie Innenstadt verfügen und dass dieses Konzept wunderbar funktioniert. Wir brauchen keine Angst vor ihr zu haben. Sie muss nicht neu geschaffen, sondern lediglich vergrößert werden. Schritt für Schritt. Straße um Straße, Parkplatz um Parkplatz. Nicht von heute auf morgen und auch nicht ohne neue, freundliche Mobilitätsangebote zu schaffen. Wir kaufen nicht jeden Tag einen Kühlschrank, aber wir atmen jeden Tag Luft.

Ziel: menschengerechtere statt autogerechtere Innenstädte

Um dem Ziel einer meschengerechten statt einer autogerechten Innenstadt näher zu kommen brauchen wir eine mutige Politik mit einem klaren Ziel vor Augen, einem Paradigma, das nicht von hitzigen Diskussionen getrieben wird, sondern eine nachhaltige, ökologische und vor allem menschenfreundliche Stadt bei allen Entscheidungen fest im Fokus behält. Es gilt, nicht den gestrigen politischen Beschlüssen das grüne Schleifchen umzubinden, weil es gerade chic ist, sondern unser aller Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen und uns so über die Jahre von uns krank-machendem Lärm und verdreckter Luft zu befreien.

Handeln statt nur auf Facebook posten

Solange wir in Deutschland an der Tradition unfähiger Verkehrsminister festhalten, ist es gut zu wissen, dass Politik nicht alles ist. Auch wir, die Bürgerinnen und Bürger unser Stadt können eine Menge tun. Wir müssen nicht gleich alle unsere Autos verkaufen. In einem ersten Schritt reicht es zu überlegen, welche täglichen Wege wir ebenso gut (vielleicht sogar besser) zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Verkehr meistern können. Vielleicht sparen wir so lediglich ein paar Tonnen CO2, vielleicht wird aber mit der Zeit sogar unser Zweitwagen überflüssig. Und dann geht vielleicht noch etwas mehr…

Wir können nicht mittwochs auf Facebook über Donald Trump herziehen, weil er den Klimawandel leugnet und aus dem Klimaabkommen austreten will, und uns donnerstags darüber echauffieren, dass wir nicht überall mit unserem Wagen vorfahren können. Eine lange Reise fängt mit dem ersten Schritt an. Welcher ist Deiner?

1 Kommentar

  1. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir in Mönchengladbach innerhalb kurzer Zeit viele Menschen fürs Radfahren begeistern können, wenn fahrradfreundliche Wege vorhanden wären -> sprich: breite, ebene und von der Straße räumlich abgetrennte Fahrradwege. Da der dafür benötigte Platz begrenzt ist, kann dieser nur von Flächen kommen, die heute von Autos genutzt werden, also von Straßen oder vom Parkraum. Ja, wenn man Straßen verkleinert, nimmt man dem Autofahrer Komfort. Das wiederrum wäre aber ein weiterer Anreiz, vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen. Wenn viele Verkehrsteilnehmer häufiger das Rad nutzten, gewännen alle! Ich wünsche mir für Mönchengladbach eine mutige Politik, die den Weg frei macht, wesentliche Verkehrswege fahrradfreundlich umzubauen. Die Bismarck- und die Hohenzollernstraße eignen sich hervorragend als erste Maßnahmen.

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