City neu denken – die Droge Einzelhandel ist aufgebraucht

In Gesprächen zum Thema Innenstadt ist schnell die Rede von „der Verödung“ der Hindenburgstraße oder der Hauptstraße in Rheydt. Und ja, es ist öde geworden in Gladbachs einstigen Einkaufsstraßen. Auch die steigenden Zahlen der Besucher – dank Minto – können darüber nicht hinwegtäuschen.

Aus einigen Schaufenstern schreit einen der Leerstand an, vor allem in den Seitenstraßen. Wo es Belegung gibt, ist diese immer öfter im eher preiswerten Segment angesiedelt. Die Konsumenten tragen ihre vorhandene Kaufkraft, zumindest auf der Hindenburgstraße, schnurstracks ins Minto. Da bleibt für den Rest nicht mehr viel übrig. Aber das ist nicht nur in Mönchengladbach und Rheydt so: In Deutschland zeigt sich langsam, was über den Einzelhandel in den USA schon wie ein Tsunami hereinbricht: eCommerce und digitale Plattformen locken immer mehr Käuferinnen und Käufer ins Internet.

Der Einzelhandel ist im Strukturwandel – die Innenstädte damit auch!

Als im ersten Quartal 2017 die Wirtschaftsdaten der USA veröffentlicht wurden, waren sogar Experten über den dramatischen Rückgang der Beschäftigung im Einzelhandel schockiert. Die Zahlen der Beschäftigten fallen – jeden Monat! Nicht alles, was in den USA passiert ist 1:1 auf den deutschen Markt übertragbar. Stimmt! Aber glaubt noch jemand, dass die Einkaufsstraßen Mönchengladbachs als Einzelhandelsmeilen wieder werden, was sie mal waren? Das liegt auch an uns selbst: Experten nennen moderne Konsumenten Hybridkonsumenten, das heißt sie kaufen Online ein und im stationären Handel. Vielleicht nicht viel, aber doch ein wenig, werden auch viele von uns Online einkaufen: vielleicht 10 Prozent oder 20 Prozent ihrer Einkäufe, aber diese Prozente fehlen am Ende, um die Hindenburg- oder Hauptstraße dauerhaft zu 100 Prozent mit qualitativ hochwertigem Einzelhandel zu füllen. Und die Entwicklung geht weiter: Amazon hat im März ein Logistikzentrum in Bochum für seinen Dienst Amazon Fresh eröffnet: ein 8300 Quadratmeter großes Verteilerzentrum mit zunächst etwa 60 Mitarbeiter, das zunächst das Ruhrgebiet beliefern soll.

Es mag für einige in der Stadt eine unbequeme Wahrheit sein, aber die Götterdämmerung des Einzelhandels ist in vollem Gange – lasst uns der Realität ins Auge blicken, Mönchengladbach wird in Deutschland kein gallisches Dorf des blühenden Einzelhandels alter Schule sein.

Wir denken in der Welt von vor 20 Jahren, die wird aber nicht wiederkommen – siehe oben, Probleme des Einzelhandels. Das was da auf uns zurollt ist ein zweiter Strukturwandel! Aber im Moment schlagen wir in Mönchengladbach die Hände vor die Augen und sagen: „mg+ wird es schon richten!“ Wird es nicht, noch mal, siehe oben! Einzelhandel hat nur dann noch eine Chance, wenn er individualisierte Einzelstücke und Besonderes anbietet. Solche Angebote kommen aber meist von kleinen Anbietern, wie sie bspw. in der Wallstraße mit La Tienda, EickenArt, SISU Brands oder Lax Legere zu finden sind. Diese Mieter werden aber keine Rendite-maximierten Mieten zahlen können. Aber im Moment scheint es, dass Leerstand einigen Investoren lieber ist als eine Mietreduzierung um 50 Prozent.

Innenstadt neu denken

Wir müssen Innenstadt neu denken. Wenn wir von Verödung sprechen, dann meinen wir damit, dass es keinen Einzelhandel und Konsumangebote gibt. Da machen wir schon den ersten Fehler. Wer sagt, dass eine Innenstadt immer mit Konsumbetrieb gleich zu setzen ist? Warum soll es in der Innenstadt nicht mehr Fläche für Arbeit, Kunst und Kultur geben? Warum sollen sich in ehemaligen Ladenlokalen nicht kleine Agenturen ansiedeln oder Bürogemeinschaften, die Menschen zum Arbeiten in die Stadt holen? Warum haben wir ein Finanzamt mit x-hundert Beschäftigten an den Rand der Stadt verlegt? Warum denken wir nicht über Event- und Veranstaltungsflächen für Ausstellungen und Events oder anderes in der Innenstadt nach? Heißt Ödnis nur Abwesenheit von Konsumangeboten?

Es geht hier nicht darum, mit dem Finger auf die Verantwortlichen der Stadt zu zeigen. Falsche Adresse. Umdenken müssen vor allem die Inhaber der Immobilien. Quadratmeterpreise wie vor zehn Jahren sind Vergangenheit. Wir brauchen einen Runden Tisch mit den Inhabern und die Diskussion um ein Gesamtkonzept und um ein neues Leitbild Innenstadt. Konzepte für eine solche Entwicklung gibt es beispielsweise in der Nachbarstadt Krefeld, wo die Montag Stiftung Urbane Räume hilft, die alte Samtweberei mit neuen Ansätzen anders zu entwickeln (siehe Beitrag Eine Immobilie für das Gemeinwesen)

Der Mix in der Innenstadt muss sich verändern. Wir brauchen eine Diskussion, wo wir hinwollen – und die Einsicht, dass die Droge „solvente Mieter aus dem Einzelhandel“ am Markt nicht mehr in ausreichender Menge verfügbar ist. Entzug ist hart, aber das Leben danach ist besser!

Weiteres zum Thema:

Ein interessanter Podcast des Deutschlandfunks zum Thema und wie die Stadt Mühlheim an der Ruhr mit dem Strukturwandel im Einzelhandel umgeht – inklusive neuer Nutzungskonzepte von Gebäuden in der Innenstadt:

Eine düstere Entwicklung für den stationären Einzelhandel prognostiziert das Institut für Handelsforschung (IFH) Köln. In einem Szenario rechnen die Marktforscher bis 2020 mit einem Umsatzminus von 11,5 Prozent.

Guter Artikel zum gesamten Thema Entwicklung des Einzelhandels in den Innenstädten von Trendwelten; auch mit Beispielen wie einige Städte neue Konzepte ausprobieren und aufbauen (unter anderem auch MG bei ebay als ein Beispiel genannt).

Amazon hat Anfang 2017 den Service Amazon Fresh in Deutschland gestartet. Dieser Service bringt Lebensmittel nach Hause, noch am selben Tag – ein Beitrag von faz.net.

Eine noch kritischere Betrachtung zum selben Thema aus der Süddeutschen Zeitung. Tenor: Vielleicht bietet das Sterben des Einzelhandels endlich die Möglichkeit, der wirklichen Welt in unseren Zentren Platz zu verschaffen. Das Einkaufen darf dann ruhig im virtuellen Raum stattfinden.

Über Mark Nierwetberg 9 Artikel
Mark wohnt seit 2010 in Mönchengladbach. Er ist in der Nähe von Mönchengladbach groß geworden und hier zur Schule gegangen. Nach 10 Jahren in anderen Städten hat es ihn wieder in die Vitusstadt geweht.

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  1. Einzelhandel in Mönchengladbach: Perspektive eines jungen Unternehmers – Valentin Wessels

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